Gute Fahrt 8/70 - Autor: H.-R. Etzoldvergrößernvergrößern

Es hat auch in diesem Jahr nicht an falschen Propheten gefehlt, die vom Ende des Käfers wissen wollten. Doch nun ist August. Und siehe da, das Ende ist ferner denn je zuvor. Die Käfer-Produktionsziffer klettert der stolzen Zahl von 15 Millionen entgegen. Und Wolfsburg präsentiert zum Auftakt der Modell-Serie 1971 ein neues und ganz erheblich verbessertes Käfer-Modell, das die Grundlagen such für den ferneren Dauererfolg schafft.
Seit heute, so möchte man sagen, gibt es im Stamme der Käfer zwei Linien. Die alte Linie, deren Modelle 1200 und 1300 aus Gründen des Preises und der Ersatzteilversorgung weitergebaut werden, wenn auch mit Änderungen. Und die neue Linie, die alle Attribute modernsten Automobilbaus in die künftige Käfer-Entwicklung einbringt. Die neue Linie tritt in diesen Tagen zunächst einmal mit zwei Ablegern auf den Plan, mit dem VW 1302 und dem VW 1302 S. Und da ist es zu bemerkenswerten Verbesserungen gekommen.

Die populärste Besserung ist die Vergrößerung des vorderen Kofferraums. Da paßt nun, nimmt man eine gewisse Atemnot in Kauf, der ausgewachsene Norm-Mensch von 175 cm Länge und 75 kg Gewicht hinein, was wir kaum für möglich hielten, hätten wir nicht selber schon drinnen gesessen.
Rein äußerlich zeichnet sich der schöne Raumgewinn nämlich gar nicht so aufdringlich ab. Zwar ist der Vorderwagen dieser neuen Käfer-Bauserie um 74 mm länger geworden. Zwar sind die Kotflügel etwas weiter nach vorn gezogen, die Haubenöffnung verbreitert worden.

Mit einem neuen und gänzlich modernisier- ten Käfer hat in Wolfsburg die Modell- Saison 1971 begon- nen. Der neue Käfer erhält eine flach- bauende Federbein- Vorderachse, die vorzügliche Doppel- gelenkwellen - Hin- terachse, einen mannsgroßen Kofferraum und, in der stärksten Ausführung, 1600 ccm und 50 PS. Der Spar-Käfer wird wie bisher weitergebaut.                     

Federbeine vorn: Die neue flachbauende
Achskonstruktion ermöglichte die
beachtliche Vergrößerung des vorderen
Kofferraums und zugleich eine Verringerung des Wendekreises.

Der neue Kofferraum vorn:
Ein GF-Redakteur, 174 cm groß und
74 kg schwer, hat schon dringelegen.
Haube zu ... paßt!

Der neue Motor:
1600 ccm und 50 PS. Überarbeitet
in allen Details: Freie Kühlung
für Zylinder 3 und freie Atem-
wege durch weite Ansaugrohre.

Die neue Vorderachse:
Der Rahmenkopf ist verän- dert worden, gerade Quer- lenker, im Dreiecks-Verbund mit dem vorn liegenden Stabilisator, übernehmen die Führung der Federbeine.

Die neue Hinterachse:
Modernste Doppelgelenk- wellen-Konstruktion, nun auch bei uns in Verbindung mit dem normalen Schalt- getriebe.

Äußerlich ist´s noch ein Käfer. Blickt man freilich unter die Haut, so wird man erkennen, daß es mit der Ähnlichkeit nicht mehr weit her ist. Die neuen King Size-Käfer haben ein anderes Fahrwerk bekommen, dessen moderne Bauelemente jeder künftigen Karosserieentwicklung wohlgesonnen sind, aber nicht mehr zu den Käfern bisheriger Fertigung passen.
Das Volkswagenwerk hat sich da einen Fahrwerks-Baukasten geschaffen, der sich für die Zukunft vielfältig nutzen läßt und gegenwärtig die neuesten Käfer-Modelle auf den modernsten Stand der Fahrwerkstechnik hebt.
Neu in diesem Baukasten ist die Vorderachse, bei der die Käfer-Räder sich nun erstmals gegen kom- binierte Feder-Dämpfer-Beine abstützen und von Querlenkern und Stabilisator geführt werden. Es ist diese Art der unabhängigen Radführung, die es ermöglicht, vorn Platz zu schaffen für einen gebrauchstüchtigen Kofferraum und zugleich für eine Verringerung des Wendekreisdurchmessers um beträchtliche 1,4 m. Der neuen Handlichkeit und Sicherheit zuliebe ist die vordere Spurweite auch gleich um runde 7 cm vermehrt und ist die Lenkung gänzlich umgestaltet worden. Das Lenkgetriebe ist nur noch im Prinzip das alte, und erstmals beim Käfer sind gleichlange Spurstangen im Spiel, die das Kurvenfahren präzisieren. Derweil beschert die neue abgewinkelte Lenksäule mit den beiden Kreuzgelenken passive Sicherheit ganz nach der feinen, teuren Art.
Nicht neu, doch bei den Handschalt-Käfern auf dem Binnenmarkte höchst willkommen ist das andere Fahrwerks-Element: die Hinterachse. Nun ist's so weit. Die aufwendige Konstruktion, bisher den automatischen und amerikanischen Käfern vorbehalten, wird auch in Deutschland frei verkäuflich. Das heißt: nun kann man Käfer haben, die fahrwerkstechnisch um volle Pferdelängen besser als ihre Konkurrenten sind und mit den Porsches oder Rolls Royce in derselben Linie stehen. Die Hinterachse mit den Doppelgelenkwellen und der wei- testgehend spur- und sturzkonstanten Radführung ist der letzte Schrei in Fahrwerksdingen, derzeit durch gar nichts anderes zu übertreffen.
Die neue Garde, die in Wolfsburg konstruiert, hat sich freilich nicht begnügt mit der Bereitstellung des optimalen Fahrwerks. Sie hat, im ersten reformerischen Aufgalopp und in erstaunlich kurzer Zeit, noch ein paar Zöpfe abgeschnitten, die der VW Motorenkonstruktion in vielen Jahren tastender Leistungssteigerung gewachsen waren.

Neu: Vorderachse
Radaufhängung an Feder-Dämpfer- Beinen mit Querlenkern und Stabi- lisator. Dazu Doppelgelenk-Lenk- säule mit geändertem Lenkgetriebe und symmetrischen Spurstangen.                                .
Neu: Stärkere Motoren
Bessere Kühlung durch Vergrö- ßerung des Gebläses und Verlegung des Ölkühlers. Stärkere Ölpumpe. Geänderter Ventiltrieb. Große Zylin- derköpfe mit weitem Doppel- Ansaugrohr.
Neu: Großer Kofferraum
Raumgewinn durch Federbein-Ach- se. Vergrößerter Tank mit Aus- dehnungabehälter nach hinten ver- legt. Reserverad horizontal unter dem Boden des vorderen Koffer- raums.

So ist denn zu vermelden, daß die Käfer-Motoren schlagartig und beträchtlich an Solidität und Lebens- erwartung gewonnen haben.
Der Fachmann freut sich, und den Laien wundert's: Man nimmt nun für das Kurbelgehäuse eine härtere Legierung mit höherem Silizium-Anteil und hat die Dehnungen und Verzüge eliminiert. Der Ölkühler wird aus der waagerechten Lage im Luftstrom vor Zylinder 3, wo ihn Professor Porsche einst gelagert hatte, entfernt und aufrecht am Gebläsekasten deponiert - auf daß Zylinder 3 nun endlich vollen Wind bekomme. Die Ölpumpe wird ordentlich vergrößert, damit des Motors Blutdruck bei langer Vollgasfahrt nicht in den Keller fällt. Das Gebläserad wird um 5 mm breiter und schaufelt dementsprechend größere Mengen Kühlluft. Nockenwellenrad und -flansch sind neu und die Ventilführungen anders. und die Auslaßventile werden nun verchromt.
Nachdem da derart Remedur geschaffen ward, war freie Bahn sogar für weitere PS. Alle Motoren ab 1300 ccm dürfen nun das Maul, sprich Ansaugwege, weit aufreißen. Sie bekamen allesamt die vom VW 1600 bekannten Zylinderköpfe mit den zwei Einlaßkanälen und obendrauf ein neues, fülligeres Hirschgeweih, ein Doppel-Ansaug- rohr zur Leistungssteigerung.
So haben denn die Jungtürken im Wolfsburger Motorenversuch die Aktion Sorgenkind mit ungewöhnlichem Erfolg beendet. Sie konnten die Käferherzen bei der niedrigen Verdichtung von 7,5:1 belassen und holten doch noch mehr PS heraus.
Der 1300er-Motor bringt nunmehr 44 Pferde auf die Waage; damit ist der bisherige 1500er entthront (und wird nicht mehr gebaut). Der neue 1600er-Motor (für den Transporter und den Käfer namens 1302 S) schafft 50 Pferde her. Und damit ist nicht aller Tage Abend.
Natürlich hat man im Zuge dieses Unternehmens Jungbrunn noch ein paar andre alte Käfer-Forderungen erfüllt, die der neuen Garde Technischer Entwickler nur zu geläufig waren.
So ist beim neuen King-Size-Käfer der Abstand zwischen Gaspedal und Bremse verringert worden, wonach die sportiven Fahrer, zwecks flotterer Beinarbeit, schon lange riefen.
Auch hat der lange Neue nun eine sogenannte Zwangsentlüftung, die die Schlechtwetterzone über der hinteren Sitzbank lichtet. Vorn an der Nase, vom Armaturenbrett, strömt die gute deutsche Landluft ein; und hinter den Ohren, wo die Seitenfenster enden, ziehen die dicken Schwaden ab.
Fehlt nicht viel, den neugeborenen Käfer zum Luftkurort zu proklamieren. Vorbei sind die halben Sachen. Luft strömt aus nunmehr 7 Schlitzen am Armaturenbrett herein, fünfmal Warmluft zum Defrosten und, wahlweise, zwei- bis viermal Kaltluft zum Erfrischen. Und wer will, kann gegen Mehrpreis noch ein Gebläse für die Frischluft haben.
Wer will, kann für den Käfer nun auch die schöne kleine Eberspächer-Heizung BN 2 bekommen, die - ohne Raum zu fressen - hinten überm Getriebe deponiert wird und dafür sorgt, daß der brave Mann ohne Mantel durch den Winter kommt.
Für ärgere Hitzewellen wird noch vorgesorgt. Die Wolfsburger Entwicklung, die hier den besten Käfer aller Zeiten liefert, hat noch eine neue Air Condition im Programm, die wohlgekühlte Gletscherlüfte ausstrahlt, doch wegen Raum und Preis in erster Linie nur für Texas und andere sonnenverbrannte Staaten interessant ist. Es handelt sich da, wie man alsbald erleben wird, um eine neue schöne Meisterleistung des automobilen Fortschritts, die gänzlich neue Aussichten auf den wohltemperierten Komfort in kleinen Wagen eröffnet.

Und die noch zukunftsträchtigeren Perspektiven. Wartung und Reparatur derselben Autos vermittels elektronischer Kontrolle wieder ganz fest in den Griff zu kriegen, kommen auch schon über den Horizont (s. Seite 29 in diesem Heft).
Man sieht aus alledem: Die neue Wolfsburger Entwicklung, die unter dem Gesetz des unauffälligen, doch absoluten Renovierens angetreten ist, hat in wenigen Monaten den Weg auch in die ferner Käfer-Zukunft angelegt.
Die Bausteine sind da für eine weitere Entwicklung, die nicht länger nur sich selbst genügt, sondern richtungweisend sein kann für den internationalen Autobau.
Und vorderhand steht schon ein neuer Käfer da, der nurmehr in der Form an das erinnert, was bisher gewesen ist. Die technische Substanz, die neue, zählt zum Modernsten, das man heute kaufen kann. Da steht ein Auto mit einem erstrangigen, für Komfort und Sicherheit wohltemperierten Fahrwerk und mit Motoren, die wieder zu den schönsten Superlonglife-Hoffnungen berechtigen.

So schein´s, daß auch der 15. Million noch viele weitere folgen werden. Die Käfer-Renaissance hat erst begonnen.                                                                                                                   H.-R. Etzold

DIE NEUEN
KÄFER

VW 1200

VW 1300

VW 1302

VW 1302 S

VW 1302 LS Cabrio

Karmann Ghias

Karosserie

alte Form

 

alte Form

 

neue Form
mit großem
Kofferraum

neue Form
mit großem
Kofferraum

neue Form
mit großem
Kofferraum

alte Form

 

Fahrwerk

alte Vorderachse Pendel-Hinterachse ohne Ausgleichfeder

alte Vorderachse Pendel-Hinterachse mit Ausgleichfeder

neue Vorderachse Doppelgelenkwellen- Hinterachse

neue Vorderachse Doppelgelenkwellen- Hinterachse

neue Vorderachse Doppelgelenkwellen- Hinterachse

alte Vorderachse Pendel-Hinterachse mit Ausgleichfeder

Motor

1200/34 PS
wahlweise:
1300/44 PS

1300/44 PS
wahlweise:
1200/34 PS

1300/44 PS
wahlweise:
1200/34 PS

1600/50 PS

 

1600/50 PS

 

1600/50 PS

 

Bremsen

Zweikreis
vorn und hinten Trommeln

Zweikreis
vorn und hinten Trommeln

Zweikreis
vorn und hinten
Trommeln
wahlweise:
vorn Scheiben

Zweikreis
vorn Scheiben
hinten Trommeln

Zweikreis
vorn Scheiben
hinten Trommeln

Zweikreis
vorn Scheiben
hinten Trommeln

Höchst-
geschwindigkeit

Werksangabe:
115 km/h

Werksangabe:
125 km/h

Werksangabe:
125 km/h

Werksangabe:
130 km/h

Werksangabe:
130 km/h

ca. 150 km/h

 

Gewichte

leer 760 kg
gesamt 1140 kg
gebremste
Anhängelast 650 kg

leer 820 kg
gesamt 1200 kg
gebremste
Anhängelast 650 kg

leer 870 kg
gesamt 1270 kg gebremste Anhängelast 650 kg

leer 870 kg
gesamt 1270 kg gebremste Anhängelast 650 kg

leer 920 kg
gesamt 1280 kg gebremste Anhängelast 650 kg

leer 870 kg
gesamt 1200 kg gebremste Anhängelast 650 kg

Ausstattung

wie bekannter Sparkäfer 

wie bekannter
1300
neu: Be- und Entlüftung

wie bekannter
1300/1500
neu: Be- und Entlüftung

wie bekannter
1300/1500
neu: Be- und Entlüftung

wie bekanntes Cabrio
neue Belüftung
mit Gebläse,
keine Entfüftung

wie bekannte Modelle 

Neue Mehr-
ausstattungen

Benzinheizung BN 2  

Benzinheizung BN 2 zweistufiges
Frischluft-Gebläse Mittelarmlehne für Rücksitzbank

Benzinheizung BN 2 zweistufiges
Frischluft-Gebläse Mittelarmlehne für Rücksitzbank

Benzinheizung BN 2 zweistufiges
Frischluft-Gebläse Mittelarmlehne für Rücksitzbank

Benzinheizung BN 2

 

Übrigens:.
Auf dem deutschen Markt wird die Wählautomatik mit Doppelge- lenk-Hinterachse für alle Modelle, auch für den Sparkäfer angebo- ten; sie wird jedoch nicht mit dem 1200er Motor kombiniert. Die Höchstgeschwindigkeit mit Automatik wird vom Werk um je 5 km/h niedriger angegeben. In das bekannte „L“-Paket (2 Rückfahr- scheinwerfer, Stoßstangen-Gummileisten, Teppichboden, Türtasche rechts, zweiter Aschenbecher hinten,

abblendbarer Innenspiegel, Make-up-Spiegel, Armaturenbrett- polsterung, Bremskontrolleuchte, Schloß für Handschuhfach) wird noch das zweistufige Frischluftgebläse aufgenommen. Wagen mit L-Paket werden mit einem L im Schriftzug am Wagenheck versehen. Für USA gibt es zusatzlich zu den neuen Volkswagen noch ein Custom-Modell mit alter Karosserieform, alter Vorderachse, Doppelgelenkwellen- Hinterachse, Trommelbremsen und 1600er Motor.

www.vw1302.de